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Datensouveränität und KI in der Schweiz: über Data Residency hinaus, hin zur technologischen Unabhängigkeit

Athos Fiori
Athos Fiori
6min
Datensouveränität und KI in der Schweiz: über Data Residency hinaus, hin zur technologischen Unabhängigkeit
Data sovereignty
Data residency
Swiss Private AI

Das Datenmanagement in der Schweiz ist längst keine rein technische Frage von Storage und Backup mehr, sondern eine strategische Priorität an der Schnittstelle von Recht, Geopolitik und wirtschaftlicher Wettbewerbsfähigkeit. Mit dem Inkrafttreten des neuen Datenschutzgesetzes (nDSG), zunehmend strengeren branchenspezifischen Regulierungen wie jenen der FINMA für Finanzinstitute sowie Diskussionen über eine mögliche Einführung des AI Acts auch in der Schweiz stehen Schweizer Unternehmen vor einer grundlegenden Frage: Wo befinden sich die Daten, wer kontrolliert sie und werden sie möglicherweise zum Training von KI-Modellen verwendet? 

Residency vs. Souveränität: den Unterschied verstehen 

Der erste Schritt zum Verständnis der Herausforderungen der Data Governance besteht darin, zwei häufig synonym verwendete, aber grundlegend unterschiedliche Konzepte zu unterscheiden: Data Residency und Data Sovereignty. 

Data Residency bezieht sich auf den physischen Speicherort der Daten. Befinden sich die Server mit Unternehmensdaten in einem Rechenzentrum in Zürich, dann „residieren“ diese Daten in der Schweiz. Dies ist ein geografischer, greifbarer Aspekt, der durch Infrastrukturezertifizierungen überprüfbar ist. 

Über Jahre hinweg betrachteten viele Organisationen die Data Residency als ausreichend: Wenn die Daten physisch in der Schweiz liegen, seien sie durch Schweizer Recht geschützt. Diese Annahme kollidiert jedoch häufig mit einer deutlich komplexeren rechtlichen Realität. 

Data Sovereignty hingegen betrifft die rechtliche Zuständigkeit. Welchen Gesetzen unterliegen die Daten? Wer hat das gesetzliche Zugriffsrecht? Und hier zeigt sich ein zentrales Problem: Residency garantiert keine Souveränität. 

So kann ein Schweizer Unternehmen seine Daten einem globalen Cloud-Anbieter mit Rechenzentren in der Schweiz anvertrauen und damit die physische Residency erfüllen. Ist dieser Anbieter jedoch ein US-Unternehmen, unterliegen die Daten weiterhin dem US-amerikanischen Bundesrecht, das es US-Behörden erlaubt, auf von US-Unternehmen kontrollierte Daten zuzugreifen, unabhängig vom physischen Speicherort. 

Mit anderen Worten: Ein Rechenzentrum in Zürich, das von einem amerikanischen Unternehmen betrieben wird, bietet keinen rechtlichen Schutz vor Zugriffsanfragen aus Washington. Die Datensouveränität wird durch die Nationalität des Dienstleisters bestimmt, nicht durch die geografische Lage der Server. 

Unternehmen können sich daher nicht mehr darauf beschränken zu sagen, „die Daten liegen in der Schweiz“. Sie müssen nachweisen, dass die Daten ausschließlich der Schweizer Gerichtsbarkeit unterliegen und vor extraterritorialen Zugriffen ausländischer Regierungen geschützt sind. 

Die Risiken der transatlantischen Big Tech 

Die Expansion großer Anbieter aus den Bereichen Datenanalyse und künstliche Intelligenz in die Schweiz verdeutlicht die potenziellen Risiken einer technologischen Abhängigkeit von ausländischen Anbietern. 

Auch wenn diese Akteure betonen, als „reine Subunternehmer“ zu agieren, keine KI-Modelle mit Kundendaten zu trainieren und isolierte Umgebungen zu gewährleisten, bleiben erhebliche Risiken bestehen. Dazu zählen extraterritoriale Eingriffe und rechtliche Unsicherheiten bei Konflikten zwischen vertraglichen Verpflichtungen gegenüber Schweizer Kunden und gesetzlichen Pflichten gegenüber ausländischen Regierungen. Dies kann zu Reputationsschäden, möglichen regulatorischen Verstößen und ethischen Grauzonen für Schweizer Unternehmen führen. 

Die Schweizer Antwort: auf dem Weg zur souveränen KI 

Als Reaktion auf diese Herausforderungen entwickelt sich ein alternatives Modell der Swiss Private AI, an dem Artificialy aktiv beteiligt ist. Dieses Modell basiert auf einem Wertversprechen, das kein globaler Anbieter liefern kann: rechtliche Sicherheit durch Datensouveränität. 

Ein herausragendes nationales Beispiel ist das Projekt Apertus, das erste offene, transparente und mehrsprachige KI-Modell der Schweiz, entwickelt von EPFL, ETH Zürich und CSCS. 

Artificialy arbeitet ebenfalls mit Open-Source-Modellen, um Unternehmen die Möglichkeit zu geben, private und lokale KI-Modelle anstelle von GPT oder Claude einzusetzen. Dies ermöglicht eine vollständige Individualisierung der Lösungen, einen Privacy-by-Design-Ansatz und den Erhalt der geistigen Eigentumsrechte an Modellen, die mit Unternehmensdaten trainiert wurden. 

Die radikalste Lösung in Bezug auf Datensouveränität ist der On-Premises-Betrieb. Die Private AI Suite von Artificialy erlaubt beispielsweise die Installation von KI-Modellen direkt auf den physischen Servern des Kunden innerhalb des eigenen Sicherheitsperimeters. Ein weiteres konkretes Beispiel ist der jüngste Schritt des Kantons Tessin in Richtung digitale Souveränität und Schutz sensibler Bürgerdaten. Das Centro sistemi informativi (CSI) hat ein neues maschinelles Übersetzungssystem auf Basis von Apertus implementiert, dem Schweizer Open-Source-Sprachmodell, das im Rahmen der „Swiss AI Initiative“ von ETH Zürich, EPFL und dem Schweizerischen Nationalen Supercomputing-Zentrum (CSCS) entwickelt wurde. Es handelt sich dabei um den ersten operativen Einsatz von Apertus durch eine Schweizer öffentliche Institution. Die von Artificialy entwickelte Lösung wird auf der Infrastruktur des CSI betrieben und gewährleistet die vollständige Kontrolle über alle Daten. 

Dieser Ansatz bietet eindeutige Vorteile, darunter vollständige physische Kontrolle, da die Daten die Infrastruktur des Kunden niemals verlassen, sowie garantierte Compliance, was ihn besonders geeignet für öffentliche Verwaltungen und stark regulierte Branchen wie Gesundheitswesen und Finanzsektor macht. 

On-Premises eliminiert Risiken an der Wurzel: Wenn Daten weder physische noch rechtliche Grenzen überschreiten, entstehen keine regulatorischen Grauzonen, und sie können nicht für Re-Training-Zwecke genutzt werden. 

Nicht alle Organisationen können oder möchten jedoch lokale Infrastrukturen betreiben. In diesen Fällen stellt zertifiziertes Swiss Hosting die Lösung dar: Rechenzentren, die zu 100 % in der Schweiz angesiedelt und von Schweizer Eigentümern betrieben werden, sodass die gesamte Wertschöpfungskette – von der Hardware bis zur Unternehmensführung – unter Schweizer Gerichtsbarkeit bleibt. 

Artificialy arbeitet mit spezialisierten Partnern zusammen, die dieses garantierte Modell anbieten und die Flexibilität der Cloud mit der rechtlichen Sicherheit nationaler Datensouveränität verbinden.